Deutschland schmeckt Zucker mit Milch
Kultur & Gesellschaft

Deutschland schmeckt Zucker mit Milch

Ingo
19. Mai 2026 3 Min. Lesezeit

Gehört ihr noch zu der Generation, die sich an den legendären Pepsi-Test erinnert? Mehrere Sorten. Blind probieren. Ehrlich entscheiden.

Ich habe dieses Prinzip irgendwann zu meinem Lebensmotto gemacht.

Immer wenn ich Produkte regelmäßig esse oder trinke, mache ich den „Pepsi-Test“. Ich kaufe Konkurrenzprodukte, entferne Verpackungen und probiere blind. Das Ergebnis ist oft ernüchternd.

Bei manchen Dingen funktioniert Marke tatsächlich. Nutella, Hanuta oder Haribo konnten für mich bis heute kaum ersetzt werden. Aber bei vielen anderen Produkten bricht die komplette Expertenwelt erstaunlich schnell zusammen. Die angeblich besten Brezn in Nürnberg? Gummilappen! Leberkäs wird nördlich des Weißwurstäquators (dort als „Fleischkäse“ bezeichnet) oft zur kulinarischen Straftat. Und richtig absurd wurde es beim Cola-Test.

Wir kauften eine Woche lang Cola ein. Markenprodukte, No-Name-Varianten, Light-Versionen, koffeinfreie Sorten und Sondereditionen. Über 70 verschiedene Produkte kamen zusammen. Coca-Cola macht sich inzwischen teilweise selbst Konkurrenz und entwickelt gefühlt jedes Jahr neue Varianten.

Der eigentliche Schock kam allerdings bei Zimmertemperatur. Kalt schmecken die meisten Colas irgendwie akzeptabel. Warm offenbart sich das Grauen. Einige Mischungen schmeckten wie chemischer Himbeersirup mit Batteriesäure.

Noch schlimmer war mein persönlicher Sirup-Test. Ich war fest überzeugt, dass der selbstgemachte Himbeersirup meiner Oma haushoch gewinnen würde. Nostalgie. Kindheit. Handwerk. Liebe.

Gewonnen hat natürlich die künstlichste Zuckerplörre mit maximalem Aroma-Overkill. Seitdem glaube ich nur noch begrenzt an Experten. Besonders bei Wein und Kaffee.

Ich habe Hotelkaufmann bei Mövenpick gelernt und hatte anfangs keine Ahnung von Wein. Ein Kollege arbeitete bereits länger am Weinbuffet und erklärte mir irgendwann grinsend: „Merkt kein Mensch.“ Ich hielt das erst für völligen Unsinn. Dann begannen wir zu experimentieren.
Anfangs harmlos. Riesling wurde mit Mineralwasser gestreckt. Rosé war einfach Weißwein mit einem Schuss Rotwein. Irgendwann wurde es komplett absurd. Fanta, Glühwein, Rumtopf. Teilweise schmeckte das Zeug nicht einmal schlecht, hatte aber mit dem bestellten Wein nichts mehr zu tun.

Dann kam der unvermeidliche Moment: „An Tisch 18 sitzt der Chef mit Geschäftspartnern.“

Perfekt. Natürlich landete genau dort eine unserer Frankenstein-Mischungen.

Die Herren hielten das Glas gegen das Licht, rochen daran, diskutierten über Rebsorten und analysierten ernsthaft die Aromen.

Dann kam einer der Gäste zu uns und wollte die Flasche sehen.

Also füllten wir unsere Mischung kurzerhand in eine leere Flasche um und präsentierten sie mit maximaler Professionalität.

Der Mann roch daran, nickte anerkennend und bestellte anschließend eine ganze Kiste.

Ab diesem Tag war mein Respekt vor Teilen der Weinwelt nachhaltig beschädigt.

Jahre später durfte ich mich plötzlich um den Mitarbeiterkaffee kümmern. Problem: Ich trank selbst keinen Kaffee. Also machte ich wieder das Einzige, das Sinn ergibt: Einen Blindtest.

Die Mitarbeiter bewerteten Geschmack, während ich von günstigen Supermarktsorten bis zu teuren Bio- und Premiumkaffees alles einkaufte. Teilweise kostete das Kilo 6 Euro, teilweise über 40.

Das Ergebnis war deprimierend simpel.

Gewonnen haben fast immer die Sorten, die mit möglichst viel Milch am wenigsten auffielen.

Deutschland liebt oft keinen Kaffee. Deutschland liebt süße Milch mit leichter Kaffeefärbung.

Und die Moral der Geschichte? Mach den Pepsi-Test!

Geschrieben von

Ingo

Ingo verbringt seine Zeit beruflich zwischen künstlicher Intelligenz, Unternehmensberatung und politischen Zukunftsthemen, gedanklich aber oft irgendwo zwischen Bergen, Wäldern und Seen. Zürich ist für ihn Arbeitsort, kein vollständiger Lebensmittelpunkt. Er interessiert sich für Gesundheitssysteme, gesellschaftliche Entwicklungen und die Frage, warum moderne Gesellschaften immer effizienter und gleichzeitig oft ungesünder werden. Seine Freunde behaupten, er könne aus jedem Gespräch plötzlich eine Diskussion über Digitalisierung, Infrastruktur oder Ernährung machen. Gleichzeitig liebt Ingo Wälder, Berge und lange Autofahrten mit guter Musik. Reisen bedeuten für ihn Freiheit und Perspektivwechsel, besonders Südafrika hat ihn geprägt. Früher war Sport für ihn eher ein theoretisches Konzept, heute entwickelt er fast religiöse Begeisterung für Wandern, Radfahren und kalte Seen. Ingo bleibt regelmäßig mitten im Gespräch stehen, wenn irgendwo ein schöner Baum auftaucht. Seine größte Stärke und Schwäche zugleich ist, dass er ständig neue Ideen entwickelt.