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Deutschland schmeckt Zucker mit Milch

Gehört ihr noch zu der Generation, die sich an den legendären Pepsi-Test erinnert? Zwei Becher. Keine Marken. Blind probieren. Ehrlich entscheiden.

Ich habe dieses Prinzip irgendwann zu meinem Lebensmotto gemacht.

Immer wenn ich Produkte regelmäßig esse oder trinke, mache ich den Pepsi-Test. Ich kaufe Konkurrenzprodukte, entferne Verpackungen und probiere blind. Das Ergebnis ist oft ernüchternd.

Bei manchen Dingen funktioniert Marke tatsächlich. Nutella, Hanuta oder Haribo konnten für mich bis heute kaum ersetzt werden. Aber bei vielen anderen Produkten bricht die komplette Expertenwelt erstaunlich schnell zusammen.

Die angeblich besten Brezeln in Nürnberg? Gummilappen! Leberkäse wird nördlich des Weißwurstäquators oft zur kulinarischen Straftat. Und richtig absurd wurde es beim Cola-Test.

Wir kauften eine Woche lang Cola ein. Markenprodukte, No-Name-Varianten, Light-Versionen, koffeinfreie Sorten und Sondereditionen. Über 70 verschiedene Produkte kamen zusammen. Coca-Cola macht sich inzwischen teilweise selbst Konkurrenz und entwickelt gefühlt jedes Jahr neue Varianten.

Der eigentliche Schock kam allerdings bei Zimmertemperatur. Kalt schmecken die meisten Colas irgendwie akzeptabel. Warm offenbart sich das Grauen. Einige Mischungen schmeckten wie chemischer Himbeersirup mit Batteriesäure.

Noch schlimmer war mein persönlicher Sirup-Test. Ich war fest überzeugt, dass der selbstgemachte Himbeersirup meiner Oma haushoch gewinnen würde. Nostalgie. Kindheit. Handwerk. Liebe.

Gewonnen hat natürlich die künstlichste Zuckerplörre mit maximalem Aroma-Overkill.

Seitdem glaube ich nur noch begrenzt an Experten.

Besonders bei Wein und Kaffee.

Ich habe Hotelkaufmann bei Mövenpick gelernt und hatte anfangs keine Ahnung von Wein. Ein Kollege arbeitete bereits länger am Weinbuffet und erklärte mir irgendwann grinsend: „Merkt kein Mensch.“

Ich hielt das erst für völligen Unsinn. Dann begannen wir zu experimentieren.

Anfangs harmlos. Riesling wurde mit Mineralwasser gestreckt. Rosé war einfach Weißwein mit einem Schuss Rotwein. Irgendwann wurde es komplett absurd. Fanta, Glühwein, Rumtopf. Teilweise schmeckte das Zeug nicht einmal schlecht, hatte aber mit dem bestellten Wein nichts mehr zu tun.

Dann kam der unvermeidliche Moment: „An Tisch 18 sitzt der Chef mit Geschäftspartnern.“

Perfekt. Natürlich landete genau dort eine unserer Frankenstein-Mischungen.

Die Herren hielten das Glas gegen das Licht, rochen daran, diskutierten über Rebsorten und analysierten ernsthaft die Aromen.

Dann kam einer der Gäste zu uns und wollte die Flasche sehen.

Also füllten wir unsere Mischung kurzerhand in eine leere Flasche um und präsentierten sie mit maximaler Professionalität.

Der Mann roch daran, nickte anerkennend und bestellte anschließend eine ganze Kiste.

Ab diesem Tag war mein Respekt vor Teilen der Weinwelt nachhaltig beschädigt.

Jahre später durfte ich mich plötzlich um den Mitarbeiterkaffee kümmern. Problem: Ich trank selbst keinen Kaffee.

Also machte ich wieder das Einzige, das Sinn ergibt: Einen Blindtest.

Die Mitarbeiter bewerteten Geschmack, während ich von günstigen Supermarktsorten bis zu teuren Bio- und Premiumkaffees alles einkaufte. Teilweise kostete das Kilo 6 Euro, teilweise über 40.

Das Ergebnis war deprimierend simpel.

Gewonnen haben fast immer die Sorten, die mit möglichst viel Milch am wenigsten auffielen.

Deutschland liebt oft keinen Kaffee. Deutschland liebt süße Milch mit leichter Kaffeefärbung.

Und die Moral der Geschichte? Mach den Pepsi-Test!

Ingo

Ich bin in Zürich geboren und in München aufgewachsen. Vielleicht kommt daher mein Blick auf die Welt. Die Schweizer Ordnung, die Münchner Direktheit und irgendwo dazwischen die Erkenntnis, dass die meisten Menschen viel zu viel reden und viel zu selten wirklich handeln. Ich interessiere mich für Wirtschaft, Politik, Reisen, Technologie und die Frage, wie Menschen Freiheit gegen Sicherheit eintauschen, oft ohne es überhaupt zu bemerken. Mich faszinieren Systeme. Finanzsysteme, gesellschaftliche Entwicklungen, Machtstrukturen und die psychologischen Mechanismen dahinter. Die Börse interessiert mich deshalb nicht nur wegen Geld, sondern weil sie wie ein permanenter Echtzeitspiegel menschlicher Emotionen funktioniert. Ich glaube an Eigenverantwortung, an Unternehmergeist und daran, dass finanzielle Bildung in Schulen wichtiger wäre als die Hälfte dessen, was dort tatsächlich unterrichtet wird. Passives Einkommen bedeutet für mich nicht Luxus oder Instagram-Posing, sondern Unabhängigkeit. Zeit ist die einzige Ressource, die sich nicht zurückkaufen lässt. Gleichzeitig habe ich wahrscheinlich einen etwas naiven, aber ehrlichen Drang, die Welt verbessern zu wollen. Nicht im Sinne großer Parolen oder moralischer Selbstdarstellung, sondern durch Ideen, Gespräche, Projekte und Menschen, die Dinge tatsächlich verändern. Mich interessiert Fortschritt. Echter Fortschritt. Nicht nur schöne Schlagzeilen darüber. In der ersten Hälfte meines Lebens war ich ehrlich gesagt nicht unbedingt das, was man als sportlich bezeichnen würde. Umso faszinierender finde ich heute die Entwicklung vieler Menschen, die irgendwann plötzlich anfangen, Zucker zu hassen, Etiketten zu lesen, wandern zu gehen, Fahrrad zu fahren, baden zu gehen oder sich freiwillig für Freizeitaktivitäten zu begeistern, über die sie früher wahrscheinlich gelacht hätten. Vielleicht gehört Erwachsenwerden manchmal genau dazu. Gerade deshalb sehe ich viele Entwicklungen rund um Ernährung und Gesundheit inzwischen deutlich kritischer als früher. Ich halte das aktuelle Lebensmittelrecht in vielen Bereichen für unzureichend und glaube, dass Staat und Industrie wesentlich mehr Verantwortung für die Gesundheit von Menschen übernehmen müssten. Wenn hochverarbeitete Produkte voller Zucker, Zusatzstoffe und künstlicher Reize alltäglich normalisiert werden, darf man sich über gesellschaftliche Gesundheitsprobleme irgendwann nicht mehr wundern. Freiheit bedeutet für mich nicht, Menschen möglichst billig krank zu machen und ihnen anschließend Medikamente zu verkaufen. Ich liebe Reisen, aber nicht die standardisierte Tourismusversion davon. Mich interessieren keine perfekt inszenierten Instagram-Orte. Ich mag Städte mit Charakter, Straßencafés, kleine Bars, Nachtzüge, fremde Gespräche und das Gefühl, irgendwo komplett anonym zu sein. Die interessantesten Dinge erfährt man selten in Hotels, sondern nachts um zwei an Orten, die in keinem Reiseführer stehen. Besonders fasziniert mich Südafrika. Kaum ein anderes Land vereint Schönheit, Widersprüche, Freiheit, Gefahr, Natur und gesellschaftliche Realität auf so intensive Weise. Südafrika wirkt gleichzeitig inspirierend und unbequem ehrlich. Vielleicht zieht mich genau das an. Extremsport hat mich immer mehr interessiert als klassische Sicherheit. Nicht wegen Adrenalin allein, sondern weil Grenzerfahrungen Menschen ehrlich machen. Höhenmeter, Geschwindigkeit, Erschöpfung, Risiko oder eine Nacht allein irgendwo in der Wildnis filtern sehr schnell heraus, wer jemand wirklich ist. Meine Traumfrau beeindruckt mich nicht durch perfekte Inszenierung oder künstliche Coolness. Sie überlebt eine Nacht im Wald, kann mit Stille umgehen, denkt selbstständig und braucht keine Dauerbestätigung durch soziale Medien. Stärke zeigt sich selten in Selbstdarstellung. Ich halte wenig von ideologischen Lagern und noch weniger von moralischer Hysterie. Politik interessiert mich, aber nicht als Mannschaftssport. Menschen haben verlernt zuzuhören. Jeder will senden, kaum noch jemand verstehen. Ich mag klare Worte, Humor, Ironie und Menschen, die auch dann noch Haltung haben, wenn niemand applaudiert. Vielleicht bin ich manchmal zu direkt. Vielleicht auch zu skeptisch. Aber Oberflächlichkeit war noch nie besonders interessant. Wahrscheinlich sitze ich irgendwann nachts auf einem Hoteldach in Singapur, diskutiere mit fremden Menschen über Geopolitik, Kryptowährungen oder gesellschaftliche Entwicklungen und frage mich dabei, warum moderne Gesellschaften trotz aller Vernetzung immer orientierungsloser wirken. Ich glaube nicht daran, dass Menschen perfekt sein müssen. Aber sie sollten echt sein.

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