Tell me lies…

Vor längerer Zeit saß ich in einem Coaching bei Grace Pampus und lernte ein Konzept kennen, das mich zunächst irritierte.

Radikale Ehrlichkeit.

Der Begriff klang nach einer Mischung aus sozialem Selbstmord und einem sicheren Weg, innerhalb weniger Wochen sämtliche Freunde zu verlieren.

Wer will schon Menschen begegnen, die ungefiltert alles aussprechen, was ihnen durch den Kopf geht?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr begann mich allerdings etwas anderes zu beschäftigen.

Nicht die Ehrlichkeit erschien mir problematisch.

Sondern die erstaunliche Menge an Unehrlichkeit, die wir mittlerweile als völlig normal betrachten.

Dabei beginnt alles harmlos.

Wir sagen, der Verkehr sei schuld gewesen.
Wir behaupten, die Nachricht nicht gesehen zu haben.
Wir erklären, wir hätten leider keine Zeit.

Obwohl wir in Wahrheit einfach keine Lust hatten. Aus kleinen Ausreden werden Gewohnheiten. Und aus Gewohnheiten entstehen gesellschaftliche Regeln.

Vielleicht leben wir längst in einer Feel-Good-Gesellschaft.

Einer Gesellschaft, die jede unangenehme Wahrheit sprachlich weichspült.

Aus dem Hausmeister wird ein Facility Manager.
Aus dem Verkäufer ein Customer Success Specialist.
Aus Übergewicht wird Curvy.
Aus einer Entlassung eine personelle Neuausrichtung.
Aus einem Problem eine Herausforderung.
Aus einem Scheitern eine Lernreise.

Es ist bemerkenswert, wie viel Energie wir investieren, um Tatsachen nicht mehr beim Namen zu nennen.

Dabei verändert die neue Bezeichnung selten die Realität.

Der Mensch bleibt übergewichtig.
Der Mitarbeiter bleibt arbeitslos.
Und die schlechte Idee bleibt eine schlechte Idee.

Nur die Worte haben sich verändert.

Natürlich hat das gute Gründe.

Wahrheit kann verletzen.
Wahrheit kann Konflikte auslösen.
Wahrheit kann unangenehm sein.

Aber irgendwann stellt sich die Frage, ob wir damit nicht ein anderes Problem geschaffen haben.

Eine Welt, in der Ehrlichkeit verdächtiger geworden ist als Täuschung.

Besonders sichtbar wird das bei Beziehungen.

Nehmen wir einen Mann, der auf einer Party eine attraktive Frau kennenlernt.

Radikale Ehrlichkeit würde bedeuten, dass er sagt, was tatsächlich in seinem Kopf vorgeht.

Ich finde Deine Brüste attraktiv. Ich würde dich gerne näher kennenlernen. Ich würde gerne mit dir schlafen.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Gespräch damit sehr schnell endet.

Also beginnt das Spiel.

Plötzlich werden die Augen bewundert.
Dann das Kleid.
Dann das Lächeln.
Dann der Humor.
Dann die einzigartige Persönlichkeit.

Nach wenigen Stunden entsteht eine Verbindung.

Nach wenigen Tagen möglicherweise Verliebtheit.

Nach wenigen Wochen werden Versprechen gemacht.

Und nicht selten war das ursprüngliche Interesse von Anfang an ein ganz anderes.

Bemerkenswert ist dabei nicht die Sexualität.

Bemerkenswert ist die Unehrlichkeit.

Denn die Gesellschaft akzeptiert die schönere Geschichte oft leichter als die unbequeme Wahrheit.

Dabei betrifft das nicht nur Männer. Wenn eine Frau offen ausspricht, dass sie einen Mann begehrt oder einfach Lust auf Sex hat, wird auch sie häufig bewertet. Plötzlich tauchen Begriffe auf, die jeder kennt. Schlampe. Bitch.

Offenbar haben wir nichts gegen Sexualität. Wir haben etwas gegen ihre ehrliche Benennung.

Vielleicht erklärt das auch Entwicklungen, die weit über einzelne Beziehungen hinausgehen.

Japan gilt vielen Beobachtern als eines der einsamsten Länder der Welt.

Dort existieren inzwischen ganze Geschäftsmodelle, die von menschlicher Sehnsucht leben.

Frauen bezahlen Männer in Host Clubs dafür, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Für Komplimente.

Für Zuhören.

Für das Gefühl, gesehen zu werden.

Beide Seiten wissen, dass die Gefühle gespielt sind.

Beide Seiten wissen, dass das Interesse gekauft wurde.

Und trotzdem funktioniert das Geschäft.

Vielleicht gerade deshalb.

Die Inszenierung ist berechenbarer geworden als echte Nähe.

Niemand riskiert Zurückweisung.

Niemand riskiert Verletzungen.

Niemand muss vollständig ehrlich sein.

Alle kennen ihre Rollen.

Und trotzdem bleibt am Ende oft dieselbe Einsamkeit zurück, die man eigentlich bekämpfen wollte.

Wer glaubt, das sei ein rein japanisches Problem, sollte sich einmal an einem Freitagabend in München umsehen.

Oder in Berlin.

Oder in Hamburg.

Noch nie waren Menschen so gut vernetzt.

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme.

Und gleichzeitig berichten immer mehr Menschen von Einsamkeit.

Vielleicht besteht der eigentliche Widerspruch unserer Zeit darin, dass wir ständig kommunizieren und immer seltener sagen, was wir wirklich denken.

Wir formulieren vorsichtig.

Wir verpacken geschickt.

Wir beschönigen.

Wir interpretieren.

Wir unterstellen.

Wir spielen Rollen.

Und wundern uns anschließend, warum wir einander nicht mehr verstehen.

Als ich begann, mich mit radikaler Ehrlichkeit auseinanderzusetzen, hatte ich dieselbe Befürchtung wie viele andere Menschen.

Dass ich Freunde verlieren würde.

Und tatsächlich sind Menschen verschwunden.

Zumindest dachte ich das zunächst.

Heute sehe ich das anders.

Ich habe keine Freunde verloren.

Ich habe Illusionen verloren.

Ich habe Missverständnisse verloren.

Ich habe Erwartungen verloren.

Menschen, die nur mit einer geschönten Version meiner Persönlichkeit zurechtkamen, verschwanden tatsächlich aus meinem Leben.

Andere blieben.

Und einige neue kamen hinzu.

Der überraschende Effekt war nicht Einsamkeit.

Der überraschende Effekt war Ruhe.

Seitdem muss ich deutlich weniger Energie darauf verwenden, Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, die ohnehin nie zu mir gepasst haben.

Viele Enttäuschungen entstehen nämlich nicht durch Ehrlichkeit.

Sie entstehen durch falsche Erwartungen.

Wer von Anfang an ehrlich sagt, wer er ist, was er denkt und was er will, nimmt seinem Gegenüber die Möglichkeit, sich eine Fantasiefigur zusammenzubauen.

Manche Menschen gehen dann.

Das ist ihr gutes Recht.

Andere bleiben.

Und beide Seiten sparen sich Jahre später die Enttäuschung darüber, dass der andere nie der Mensch war, für den man ihn gehalten hat.

Die größte Überraschung der radikalen Ehrlichkeit ist deshalb nicht, dass sie Beziehungen zerstört.

Die größte Überraschung ist, dass sie die richtigen übrig lässt.

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