An einem Sommermorgen in Küsnacht am Zürichsee fährt ein Junge mit dem Fahrrad zur Schule. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er mehrere Sprachen spricht, niemals existenzielle Armut erleben wird und über Netzwerke verfügt, von denen andere Menschen erst im Berufsleben erfahren. Er hat dafür nichts getan. Er wurde lediglich am richtigen Ort geboren.
Die Villa direkt am See.
Liebevolle Eltern.
Ein erfolgreicher Großvater.
Geld im Überfluss.
Eine Zukunft, um die ihn viele beneiden würden.
Das Schicksal hatte andere Pläne.
Zuerst starb der Hund. Dann der Großvater.
Als der Junge zwölf Jahre alt war, starb sein Vater an einem bekannten Aneurysma.
Drei Jahre später starb seine Mutter an Krebs.
Plötzlich waren nur noch er und seine kleine Schwester übrig.
Wer glaubt, Geld könne Kinder vor den schlimmsten Erfahrungen des Lebens schützen, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.
Denn die Geschichte war noch nicht vorbei. Die geliebte Oma kümmerte sich um die beiden Kinder.
Mit 65 Jahren stand sie mitten im Leben. Zu ihrem Geburtstag wurde groß gefeiert.
Beim Anschneiden des Kuchens fiel sie tot um.
Die Kinder erlebten das Trauma erneut.
Auf der Beerdigung standen sie still neben dem Grab. Keine Tränen. Keine Wut. Keine sichtbare Trauer.
Ich sprach mit ihnen – ihre Antwort werde ich nie vergessen.
„Wir können nicht mehr weinen. Wir haben alle Tränen bereits verbraucht.“
Seit diesem Tag beschäftigt mich eine Frage. Warum bereiten wir Kinder auf Mathematik vor, auf Englisch, auf den Straßenverkehr und auf ihre berufliche Zukunft.
Aber kaum auf den Tod.
Dabei begegnet er jedem von uns. Früher oder später.
Im Kinderhospiz traf ich ein kleines Mädchen. Ich hatte die naive Vorstellung, helfen zu können. Sie tröstete am Ende mich.
„Du musst nicht weinen“, sagte sie. „Ich sterbe doch, nicht du.“
Später lernte ich Ivan kennen. Fünfzehn Jahre alt.
Die Lehrer hielten ihn für faul. Jeden Morgen kam er Stunden zu spät zur Schule.
Im Unterricht saß er teilnahmslos da.
Ich fragte ihn nach seinen Zielen. Nach seinen Träumen. Nach seinen Plänen – er hatte keine. Nicht einmal ein Jahr zuvor war seine Mutter direkt neben ihm in der Ukraine erschossen worden.
Plötzlich erscheinen viele unserer gut gemeinten Ratschläge erstaunlich klein.
Schule ist wichtig.
Du musst pünktlich sein.
Du musst nach vorne schauen.
Manchmal haben Menschen keine Kraft mehr für solche Sätze.
Nicht weil sie schwach sind.
Sondern weil Trauer ihre eigene Sprache spricht.
Auch Elisabeth Fleischer kennt diese Sprache. Ihre Großmutter starb, als sie sieben Jahre alt war.
Die Familie glaubte, dass sie den Verlust gut verarbeitet hatte.
Tatsächlich entwickelte sie Angststörungen.
Flugzeugabstürze. Schiffsunglücke. Katastrophen. Ständig neue Worst-Case-Szenarien.
Dank der Hilfe von Psychologen, Familie und Freunden fand sie zurück ins Leben.
Später verlor sie mit sechzehn Jahren ihren Vater.
In unserer Gesellschaft versuchen wir, Kinder möglichst lange vor dem Thema Tod zu schützen. Es wird beschwichtigt. Beschönigt. Verdrängt.
Dabei begegnen Kinder dem Tod früher, als viele Erwachsene glauben.
Der tote Vogel im Garten. Die Schnecke auf dem Weg. Der Regenwurm nach dem Sommerregen.
Früher oder später erkennen sie, dass Leben endlich ist.
Und unverarbeitete Trauer sucht sich ihren Weg.
Nicht selten über Angststörungen. Nicht selten über psychosomatische Beschwerden. Nicht selten Jahre später.
Heute begleitet Elisabeth Fleischer Kinder, Jugendliche und Familien in genau diesen Situationen.
Gemeinsam mit ihrer Mutter Uta Fleischer gründete sie den Verein Löwenträne.
Einen Verein für Kinder, Jugendliche und Familien, deren Leben plötzlich in ein Vorher und ein Nachher zerfällt.
Menschen wie Elisabeth und Uta Fleischer sind ein wenig wie Engel. Ich bin Atheist. Trotzdem fällt mir kein besseres Wort ein.
Die Welt wäre ohne solche Menschen ein deutlich kälterer Ort. Aber von diesen Menschen gibt es zu wenige. Und selbst sie können nicht allein von Idealismus leben.
Sie brauchen Fahrzeuge. Räume. Fortbildungen. Teddybären. Taschentücher. Zeit. Vor allem Zeit.
Haben Sie Kinder? Dann beantworten Sie heute Abend drei Fragen.
Was passiert mit Ihren Kindern, wenn Sie morgen nicht mehr nach Hause kommen?
Wer kümmert sich um sie?
Und weiß diese Person das überhaupt?
Gibt es ein Testament? Eine Vorsorgevollmacht? Eine Lebensversicherung? Einen Notfallplan?
Die meisten Menschen verdrängen diese Fragen, bis das Leben sie stellt.
Die Welt braucht mehr Menschen wie Uta und Elisabeth Fleischer.
Sorgen wir dafür, dass sie ihre Arbeit fortsetzen können. Unterstützen Sie Löwenträne.
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