Mein Barber und die letzte Bastion des Bargelds
Ich war heute wieder bei meinem Stammbarber. Barber, weil Friseure haben wir kaum noch. Freie Termine gibt es dort natürlich auch nicht.
Stammbarber bedeutet in meinem Fall allerdings nicht, dass ich besonders zufrieden bin. Es bedeutet lediglich, dass er von allen Barbieren, die ich bisher ausprobiert habe, statistisch gesehen den geringsten Schaden anrichtet.
Das klingt härter, als es gemeint ist. Mein vorheriger Barber hatte nämlich die interessante Auffassung entwickelt, dass Kundenwünsche eher als unverbindliche Inspirationsquelle zu verstehen sind.
Egal, was ich erklärte. Egal, welches Foto ich zeigte. Am Ende sah ich immer aus wie Bert aus der Sesamstraße.
Mein jetziger Barber hört wenigstens zu. Das allein hebt ihn bereits über einen erstaunlich großen Teil seiner Konkurrenz.
Was mich bei Barbershops allerdings zunehmend wahnsinnig macht, ist diese faszinierende Mischung aus maximalem Lifestyle und minimaler Alltagstauglichkeit.
Dunkles Holz. Vintage Möbel. Whiskeyflaschen. Kronleuchter. Perfekt gestylte Bärte. Gentleman Atmosphäre.
Man betritt keinen Friseursalon mehr. Man betritt eine Markenidentität.
Und dann kostet der Haarschnitt 29 Euro. Ich finde das wahnsinnig teuer. Nicht weil ich glaube, dass gute Arbeit nichts kosten darf. Sondern weil ich mich frage, was hier eigentlich bezahlt wird.
Ein Friseur macht in Deutschland drei Jahre Ausbildung. Haare, Kopfhaut, Chemie, Hygiene, Schnitttechniken, Färben, Kundenberatung. Danach steht er häufig für vergleichsweise wenig Geld im Laden und ist, überspitzt gesagt, der Depp für alles.
Der Barber dagegen braucht für die Bezeichnung Barber keine eigene staatlich anerkannte Berufsausbildung. Das heißt nicht, dass jeder Barber schlecht ist. Und es heißt schon gar nicht, dass jeder Friseur gut ist.
Aber es ist schon eine interessante Entwicklung. Der eine lernt drei Jahre einen Beruf. Der andere eröffnet einen Laden mit dunklem Holz, Vintage Spiegeln und Whiskeyflaschen.
Und am Ende kostet der Haarschnitt ungefähr gleich viel. Vielleicht sogar mehr.
Was dabei gelegentlich fehlt, sind die langweiligen Details des täglichen Geschäfts.
Zum Beispiel Hygiene.
Ich habe mittlerweile das Gefühl, Desinfektionsmittel wird in manchen Betrieben als freiwilliger Luxus betrachtet. Noch nie hat mich ein Barber von sich aus positiv überrascht und seine Geräte demonstrativ gereinigt.
Stattdessen muss ich jedes Mal selbst fragen.
Es fühlt sich ungefähr so an, als müsste man vor einer Operation den Chirurgen daran erinnern, sich die Hände zu waschen.
Ich möchte einfach nur einen vernünftigen Haarschnitt haben und nicht als Pilzkolonie aus The Last of Us nach Hause gehen.
Wobei wir direkt beim nächsten Problem wären.
Sobald man einem Barber erklärt, dass die Seiten bitte nicht auf Sıfır sollen, blickt man gelegentlich in dieselbe Leere, die Astronauten beschreiben, wenn sie zum ersten Mal ins All schauen.
Ich weiß, dass Sıfır beliebt ist.
Für mich ist ein Haarschnitt auf null Millimeter allerdings kein Haarschnitt mehr, sondern eine sehr kontrollierte Form von Kahlheit.
Das eigentliche Highlight kam heute an der Kasse.
Kartenzahlung erst ab 30 Euro. Keine Kreditkarten. Das Gerät geht nicht. Natürlich nicht!
Der Haarschnitt kostet 29 Euro. Ich gebe ihm 40 Euro und sage sogar noch: „Mach einfach 30 draus.“
Er schaut auf die Scheine. Dann auf mich. Dann wieder auf die Scheine. „Hast du es nicht passend?“
Ich hielt das zunächst für einen Witz. Er offenbar nicht.
Danach begann eines der unangenehmsten Blickduelle meines Lebens.
Er schaut in die Kasse. Ich schaue in die Kasse. Er sieht keine Scheine. Ich sehe keine Scheine.
Ein paar Münzen liegen verloren in einer Ecke. Ansonsten herrscht dort die finanzielle Ausstattung eines schlecht geführten Limonadenstands.
Eine Minute lang stehen wir da. Zwei erwachsene Männer. Eine Kasse. Kein Wechselgeld.
Und die stille Hoffnung, der jeweils andere möge plötzlich eine Lösung entwickeln. Am Ende einigen wir uns darauf, dass ich beim nächsten Besuch zehn Euro Rabatt bekomme. Eine Vereinbarung, die ausschließlich auf menschlichem Erinnerungsvermögen basiert. Also auf nichts.
Ich weiß schon jetzt, wie das nächste Mal ablaufen wird. Ich komme herein. Setze mich. Lasse mir die Haare schneiden. Gehe zur Kasse. „Du schuldest mir noch zehn Euro vom letzten Mal.“ Dann wird er mich vermutlich anschauen, als würde ich versuchen, den Laden zu übernehmen.
Während ich nach Hause fahre, wird mir klar, dass diese Szene eigentlich perfekt für unsere Zeit ist.
Wir leben in einer Welt voller Apps, künstlicher Intelligenz, digitaler Identitäten und kontaktloser Bezahlsysteme.
Aber irgendwo in Deutschland steht ein Mann in einem perfekt inszenierten Barbershop zwischen Kronleuchter, Flamingo und Vintage Mobiliar und kann auf 40 Euro bei einem 29 Euro Haarschnitt kein Wechselgeld herausgeben.
Vielleicht ist das die eigentliche Definition von Nostalgie.
Früher ging man zum Friseur.
Heute besucht man ein Lifestyle Konzept.
Der Friseur hat gelernt, Haare zu schneiden.
Der Barber hat verstanden, dass man daraus auch eine Marke machen kann.
Und die Haare?
Die sind dabei manchmal fast zur Nebensache geworden.