Herbstvergnügen auf dem Lande
Kultur & Gesellschaft

Herbstvergnügen auf dem Lande

Ferdi
1. November 2017 4 Min. Lesezeit

Wie Halloween alte Bräuche verdorben hat

Längst schon ist die Zeit vorbei, als wir Kinder auf dem Acker noch die schrecklich heißen, halb verkohlten Kartoffeln aus dem Kartoffelkrautfeuer holten, sie mit klammen Fingern die schwarze Kruste aufbrechend vorsichtig verschlangen, ohne uns den Mund zu verbrennen, ohne Salz oder Butter und ohne Messer oder Gabel, aber mit Händen, die denen der Schornsteinfeger in der Farbgebung sehr ähnelten – dieses war jedes Jahr unser erstes Herbstvergnügen.

Danach begann die Runkelrübenernte, die nur bedingt spaßig für uns war, denn das Hochwerfen auf den weiterfahrenden Erntewagen ließ wirklich keine Freude aufkommen. Belohnt wurde diese Hilfe auch nicht. Heute wäre das eine verbotene Kinderarbeit – also kein Herbstvergnügen, aber:

Weil es zu dieser Jahreszeit nun – ohne Sommerzeit – immer schneller dunkel wurde, und es auch noch keine Straßenbeleuchtung gab, war das der Anlass, sich für eine selbstgebastelte Leuchte Stearinkerzen zu besorgen. Lampions wären als Lichtspender gut geeignet gewesen, kosteten aber Geld. Eine Taschenlampe? Undenkbar, sprengte nur das winzige Taschengeldbudget!
Man suchte sich deshalb auf den Rübenäckern die größte Runkel, höhlte sie mit einem Küchenmesser von oben her aus, schnitzte Augen, Nase und Mund hinein und – bestückt mit dem Stummel einer Kerze – war die Lampe fertig. Und wir hatten unseren herbstlichen Bastelspaß!.

Die Experten unter den Schnitzern wussten selbstverständlich, daß als Werkstoff zur Lampenherstellung sich niemals die spitze Zuckerrübe eignet, sondern immer nur eine ovale (Gemeine) Runkelrübe. Diese wurde normalerweise zusammen mit feingehäckseltem Stroh einzig an das Vieh und die Schweine verfüttert!
Man trug die Funzel auf Händen vor sich her, aber ein Licht, das den Weg gut beleuchtet hätte, gaben sie nicht ab. Aus den größeren Kürbissen aus dem Garten wären mit drei Kerzen wohl bessere Lampen geworden, sie standen aber unter der Obhut der Mütter und waren deshalb tabu.
Heute wird das Vieh mit importiertem Sojaschrot gefüttert und das Rübenlampenschnitzen kam aus der Mode; und dieses Herbstvergnügen ebenfalls.

In die lichtarme Zeit fällt auch der Brauch des Martinsabend-Singens im Dorf: Wir Kinder zogen von Haus zu Haus, stellten uns vor dem Hausflur auf und sangen das Lied

Martinsabend ist heut‘ Abend 

Martinsabend ist heut‘ Abend,
klingelt auf der Büchse.
Liebe Frau, gib uns was,
lass uns nicht so lange steh‘n,
wir müssen noch nach Kölle geh‘n.
Köln ist eine große Stadt,
da kriegen alle Kinder was.

Ich hör‘ den Schlüssel klimpern,
ich hör‘ den Schlüssel klappern.
Ich glaub‘, ich kriege ‘n Apfel.

Und wenn die Frau nichts in den Leinensack tat:

Weißer Zwirn, schwarzer Zwirn
alte Hexe gibt nicht gern!

Die Hausfrauen kamen dann mit einem Korb auf die Diele und füllten Äpfel und Nüsse in unsere Leinenbeutel; manche sogar ein oder zwei Sahnebonbons, oder ein Nappo. Sie waren schon in Papier eingewickelt – und wegen der praktischen Transportverpackung natürlich sehr begehrt!
Straßenlaternen erhellten bald den Martinsabendweg und die Menge der geschenkten Sahnebonbons vergrößerte sich. Eine Vielfalt der Süßigkeiten verdrängte Äpfel und Nüsse, das spätherbstliche Vergnügen erhielt eine neue Qualität.

Den irischen Brauch des Halloween im November zu Allerheiligen, ähnlich der Walpurgisnacht zum 1. Mai, kannte man noch nicht. Er wurde im 19. Jahrhundert von irischen Auswanderern nach Nordamerika mitgenommen, später marktgerecht umgestaltet und schwappte als Folge des Zweiten Golfkriegs plötzlich auf unser Land über.  Die Karnevalssaison 1991 fiel aus – als Solidaritätsbeitrag wegen der  verweigerten  deutschen Kriegsunterstützung.  Seit 1. November 1991 zelebriert man in Deutschland deshalb Halloween.

Welche Folgen die Halloweenwelle hatte, kann heute noch bei den Discountern gut beobachtet werden: Der Verkauf von sonderbaren Dracula-Utensilien wie Hexenkostüme, Skelette oder Gummibären in Fledermausform hat einen neuen, profitablen Wirtschaftszweig entstehen lassen. Auch die Kürbisse aus Mutters Garten werden nun gewerblich in großer Menge angebaut und liegen vorgefertigt als Beleuchtungskörper der besonderen Art auf den Verkaufstischen.
Die Tradition aus den Notzeiten des Heiligen St. Martin aber ist nahezu ausgestorben.

Bei uns im Dorfe jedoch, gehen die Kinder noch jedes Jahr am Martinsabend auf gut beleuchteten Straßen umher und singen vor den Haustüren dasselbe Lied wie wir vor über 60 Jahren.  Zum Einsammeln der vielen süßen Sachen aber verwenden sie nun meist bunte Plastiktüten.
Und hin und wieder bekommen sie bei einem kauzigen Spender stattdessen wieder Walnüsse und einen nicht marktfähigen Apfel aus eigener Ernte, von einem alten Hochstamm-Apfelbaum, der einen seltsamen, alten Namen hat: „Kaiser Wilhelm“. Bei der Gelegenheit erzählt er ihnen davon, wie es früher einmal war, das letzte herbstliche Vergnügen vor der Advents- und Weihnachtszeit.

Inzwischen singen die Kinder in dem Lied „Liebe Frau, gib uns was, …“ angepasst, wenn nötig, „Lieber Mann, …“

Geschrieben von

Ferdi

Ferdi verbringt seine Zeit bis heute lieber in Werkstätten, Gärten oder Wäldern als im Internet. Jahrzehntelang arbeitete er als Ingenieur an Infrastruktur und Bauprojekten in ganz Deutschland. Holz, alte Werkzeuge und handwerkliche Arbeit faszinieren ihn deutlich mehr als moderne Technikspielereien. Stundenlang kann Ferdi sich mit Pflanzen, Maschinen oder alten Häusern beschäftigen. Technik interessiert ihn allerdings nur dann, wenn sie wirklich sinnvoll ist. Sein Haus besteht aus unzähligen selbstgebauten Lösungen, die oft besser funktionieren als moderne Produkte. Er hält die heutige Wegwerfgesellschaft für komplett absurd und versteht nicht, warum Menschen für alles Apps brauchen. Reisen interessieren ihn weniger als Ruhe, Natur und gutes Werkzeug. Schlechte Verarbeitung kann ihn ernsthaft verärgern. Manche Pflanzen behandelt er fürsorglicher als Menschen.