Willkommen in der Klapse

Da war dieser eine Tag. Ich saß im Klinikum rechts der Isar in München und fragte die Ärzte, ob ich mich einweisen lassen sollte.

Sie sagten Ja.

Das war überraschend.

Nicht die Antwort. Eher die Tatsache, dass ich die Frage überhaupt gestellt hatte.

Ein paar Wochen später stand ich mit meinem Koffer in Prien am Chiemsee vor der Klinik Roseneck.
Einer psychiatrischen Klinik.
Einer Klapse.
Einer Irrenanstalt.
Je nachdem, welche Begriffe man bevorzugt.

Und ich war überzeugt, dass ich dort hingehörte.
Freude und Angst hielten sich ungefähr die Waage.
Einerseits hatte ich das Gefühl, dass endlich jemand helfen würde.
Andererseits war ich nun offiziell von Menschen umgeben, die offenbar genauso kaputt waren wie ich.

Burnout.
Angststörungen.
Zwänge.
Bulimie.
Magersucht.
Depressionen.

Eine bunte Mischung menschlicher Katastrophen. Und mittendrin ich.

Wie war es überhaupt dazu gekommen?

Ein paar Wochen zuvor war ich auf dem Weg nach München zu einem Kunden. Zumindest dachte ich das. Irgendwann während der Fahrt fiel mir auf, dass ich nicht mehr wusste, zu welchem Kunden.

Einfach weg. Komplett weg.

Ich wusste, dass ich einen Termin hatte. Ich wusste, dass ich irgendwo erwartet wurde. Ich wusste nur nicht mehr wo.

Also wartete ich. Vielleicht ruft ja jemand an. Vielleicht meldet sich jemand und fragt, wo ich bleibe. Der Anruf kam nicht.

Ich fuhr wieder nach Hause.

Und begann zu weinen.

Warum?

Keine Ahnung.

Ich war traurig.

Unglaublich traurig.

Einsam.

Verloren.

Nervös.

So nervös, dass ich ständig draußen um das Haus laufen musste.

Mein Kopf war ein überfüllter Bahnhof.

Permanent raste irgendein Gedanke durch die Gegend.

Keiner blieb lange genug, um sinnvoll zu werden.

Ich konnte mir nichts merken.

Nichts strukturieren.

Nichts festhalten.

Und ständig diese Traurigkeit.

Ich wollte nicht sterben. Aber wenn mich ein Bus überfahren hätte, hätte ich das vermutlich auch nicht besonders tragisch gefunden.

Jetzt stand ich also in Prien.

Und dann passierte etwas Merkwürdiges.

Man war nett zu mir.

Nicht dieses professionelle Krankenhaus-Nett. Nicht „Zimmer 314, hinten links“.

Sondern wirklich nett.

Jemand brachte mir Tee.
Jemand half mir beim Auspacken.
Jemand half mir beim Einräumen.
Ein Mitpatient zeigte mir das Gelände.

Alles war freundlich. Ruhig. Warm.

Fast absurd fürsorglich.

Ich brauchte das gar nicht.

Dachte ich jedenfalls.

Und trotzdem musste ich schon wieder heulen.

Warum funktioniert das hier und draußen so selten?

Dann bekam ich meinen Therapieplan. Stress!

Malen.

Meditation.

Massage.

Achtsamkeit.

Ernährungsberatung.

Hydrojet.

Entspannung.

Gespräche.

Noch mehr Gespräche.

Ich war sicher, sie hätten einfach alles eingetragen, was im Haus verfügbar war.

Und dann lernte ich sie kennen – die lieben Irren

Menschen mit Sozialphobie.

Die verständnisvollsten Menschen überhaupt.

Sie verstehen jeden Gedanken.

Jedes Gefühl.

Jede Unsicherheit.

Nur anrufen werden sie dich vermutlich nie.

Schade eigentlich.

Da waren Manager, die Millionenbudgets verantworteten und gleichzeitig weinten, weil sie sich nicht merken konnten, wie dick die Chrombeschichtung eines Bauteils sein sollte.

Da waren junge Frauen mit MS. Menschen, denen man ihre Krankheit überhaupt nicht ansah.

Menschen mit ME/CFS, die man nur nachts am Teekocher traf.

Da war Ella. Ella hatte Zwänge. Ella desinfizierte alles. Wirklich alles.

Kein Bakterium hatte in ihrer Nähe eine realistische Überlebenschance.

Küssen wäre schwierig. Sex noch schwieriger.

Habt ihr eine Ahnung, wie viele Keime beim Küssen übertragen werden?

Ella hatte eine.

Und sie erklärte sie ausführlich.

Dann gab es noch den lustigen Typen mit ADHS.

Permanent auf Sendung.

Permanent in Bewegung.

Permanent DJ.

Auch wenn niemand zuhörte.

Abends musste er trinken, um runterzukommen.

Vielleicht war es ADHS.

Vielleicht war es Sucht.

Vielleicht beides.

Alkohol war verboten.

Rotwein in einer Teetasse allerdings deutlich schwerer zu entdecken.

Zumindest bis zu den zufälligen Alkoholkontrollen.

Wir hatten Kunsttherapie.

Mit Gouache.

Bis dahin hatte ich keine Ahnung, was Gouache überhaupt ist.

Die Therapeutin war wunderschön.

Nicht ein bisschen hübsch.

Wunderschön.

Ich beschloss spontan, sie zu heiraten.

Verwarf den Gedanken aber sofort wieder.

Sie würde vermutlich denken, sie hätte es mit einem Irren zu tun.

Ach nein, sie wusste das ja bereits.

Die Menschen kamen aus ganz Deutschland.

Hamburg.

Minden.

Bamberg.

Überallher.

Jeder brachte seine eigene Geschichte mit.

Andrea war meine Lieblingsreiseleiterin. Sie kannte jeden Ort Europas. Jede Straße. Jeden Aussichtspunkt. Und vor allem jedes Restaurant.

Irgendwann erklärte sie, dass die besten Spinatknödel ihres Lebens nur zweihundertfünfzig Kilometer entfernt serviert würden.

Normale Menschen hätten das als interessante Information abgespeichert, wir fuhren am nächsten Tag hin.

Wisst ihr, was schön am Irresein ist?

Man kann irre Dinge machen.

Und diese Spinatknödel waren tatsächlich sensationell.

Auf der Kampenwand lernte ich Menschen mit Höhenangst kennen.

Wer wirklich großes Kino erleben möchte, fährt mit ihnen Gondel.

Der gemeinsame Plan war ein gemütliches Frühstück mit Bergblick.

Der Rückweg entwickelte sich für manche Teilnehmer spontan zu einer mehrstündigen Wanderung ins Tal.

Freiwillig.

Oder zumindest fast freiwillig.

Dann war da Adeline. Über siebzig. Unglaublich warmherzig. Unglaublich traurig.

Ihr Sohn war bei einem Autounfall gestorben.

Was sagt man einem Menschen, dem das passiert ist? „Es wird wieder gut“? Natürlich wird es das nicht.

Also saßen wir da.

Und weinten gemeinsam.

Bei Rotwein.

In Teetassen.

Dr. Sharma hielt Vorträge über Seegras.

Irgendwann diskutierte die halbe Station über Seealgen. Wie sie sich im Wasser bewegen. Was sie fühlen.

Alle liefen durch die Gegend und redeten darüber. Von außen betrachtet hätte man wahrscheinlich gedacht, jetzt sind sie endgültig verrückt geworden.

Anna-Lena arbeitete an der Rezeption. Sie war mein Sonnenschein. Ich kontrollierte meinen Briefkasten dort deutlich häufiger als nötig.
Post war aber nie da. Warum auch? Kaum jemand wusste überhaupt, dass ich dort war.

Ich malte. Und stellte überrascht fest, dass ich das offenbar konnte.

Dann besuchte mich meine Mutter.

Danach nahm ich schwarze Farbe und kippte sie über eines meiner Bilder. Später versuchte  ich, die Farbe wieder abzuwischen. Es gelang nur teilweise. Das Ergebnis war besser als das Original.

Vielleicht eine passende Metapher.

Manche Dinge verschwinden nie ganz.

Aber manchmal entsteht daraus etwas Neues.

Irgendwann kam die Visite.

Die Ärzte berieten.

Diskutierten.

Analysierten.

Und kamen zu einem überraschenden Ergebnis.

Ich war nicht verrückt.

Ich hatte ADHS.

Sie konnten mir nicht helfen.

Zumindest nicht dort.

Ich brauchte eine andere Art von Behandlung.

Eine andere Erklärung.

Einen anderen Weg.

Das ist inzwischen zehn Jahre her.

Heute würde ich jedem raten: Redet darüber. Versteckt es nicht. Schämt euch nicht.

Ich habe später erfahren, wie viele Freunde, Kunden und Bekannte ebenfalls dort waren.

Menschen, von denen ich es niemals erwartet hätte.

Und fast jedes Gespräch endete gleich. Irgendwann redeten wir nicht mehr über Diagnosen. Nicht über Medikamente. Nicht über Therapien.

Sondern über die Kampenwand.

Über die Uferpromenade in Prien.

Über Ausflüge.

Über Menschen.

Über Erinnerungen.

Und heute sitze ich hier.

Zehn Jahre später.

Und weine wieder.

Nicht wegen ADHS.

Nicht wegen der Klinik.

Nicht wegen der Diagnosen.

Sondern weil ich sie vermisse.

Meine lieben Irren.

> Psychologische Unterstützung – Wer hilft mir wann?

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