Die kurze Geschichte vom Singen der langen Drähte
Vom Singen der Drähte – woran man so denken kann, wenn im Weserbergland einmal Winter ist.
Mein Elternhaus steht seit 1608 in einem Dorf unweit von Oldendorf – so nennen wir die Kleinstadt heute noch der Einfachheit halber wie damals, vor 1900. Dies sei nur vorausgeschickt, um eine Erscheinung zu verstehen, die man im letzten Jahrhundert bis hin in
die sechziger Jahre gelegentlich auch in unserem Wesertal beobachten konnte.
An manch kalten Wintertagen dieser Zeit mit viel Schnee und nicht geräumten Straßen, blieb es uns Schülern nicht erspart, anstatt wie üblich mit dem Fahrrad, zu Fuß zur weiterführende Schule nach Oldendorf zu gehen. Oder zum Bahnhof, wenn man in die benachbarte Kreisstadt zur Oberschule musste.
Aufgestanden in der Früh, kurz nach sechs oder sieben, je nachdem, wie weit der Schulweg war. Telegrafenmasten säumten den Weg und markierten ihn im Dunkeln, wo Schneeverwehungen seine Spur gelöscht hatten.
Wenn dann um diese Tageszeit der Wind allmählich erwachte, konnte man ein mehrstimmiges Singen vernehmen, das von den Drähten der Telefonleitungen ausging. Wir Schüler spekulierten, dass das sicherlich davon käme, wenn jemand gerade auf den Leitungen telefonierte; die Wartenden am Bahnsteig mutmaßten, der Zug sei sicherlich schon kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof. Warum auch immer. Das Singen begann oft leise, schwoll an und ebbte wieder ab, es klang hoch und tief, harmonisch und auch dissonant und folgte keiner Partitur.
Eine plausible Erklärung für diesen seltsamen und eigenartig schönen Klang fand sich aber nicht.
Indische Musikanten haben ein wunderbares Saiteninstrument, die Sitar: Wer jemals in einem Konzert indische Musik erleben durfte um wieviel nuancenreicher als eine Gitarre dieses Instrument klingt, der wünschte sich, diese sirrenden Klänge mögen nicht mehr aufhören. Glücklicherweise dauert ein Raga meist eine halbe Stunde und vermag damit den Zuhörer in den entspannten Zustand einer Meditation zu entführen.
Heute, wenn ich an einem kalten Wintermorgen daran denke oder wenn ich gelegentlich die Musik einer Sitar höre, erinnere ich mich an dieses Naturschauspiel, welches der technische Fortschritt erst möglich gemacht hat: Zwischen Holzmasten an Porzellan-Isolatoren montierte Leitungen aus Bronze- oder Stahldrähten geringfügig unterschiedlicher Länge. Die zudem niemals gleich stark gespannt waren und vom leichten Windhauch in Schwingungen gebracht wurden. Sie zitterten, wie wir, als wenn wir durchgefroren wären.
Die meiste Zeit übers Jahr aber schwiegen die Leitungen. Sie boten stattdessen den Vögeln wohlfeilen Platz, sich darauf auszuruhen und Ausschau zu halten. Heute sind fast alle Drähte in Kabeln verseilt unter der Erde und geben keinen Ton mehr von sich, heute enthalten die Kabel Übertragungswege aus Kupfer oder Glasfasern. Da klingt es nicht, da blinkt nur was – das aber sieht man nicht.
Im Winter fährt, wenn nötig – der Schneeräumdienst; selten geht jemand noch zu Fuß und am Bahnhof zeigt kaum etwas das Herannahen eines Zuges an. Man hört stattdessen aus Lautsprechern allenfalls eintönige Wortbausteine, die Störungen, Verspätungen oder den Ausfall verkünden, was niemanden glücklich macht. Viel schauen mit gebeugtem Kopf gen Boden, mit einem iPhone in der Hand aktuelle Informationen abzurufen.
Jetzt ist es still in meinem Refugium und ich erinnere mich an diese Vergangenheit. Und schon höre ich es wieder, das Singen der Drähte. Nur singt jetzt der kleine Mann hinter meinem Ohr, der auf den Namen Tinnitus hört.